Ich habe Tickets für Deutschland gegen die Niederlande bei der Fußball Europameisterschaft 2012! Wahnsinn! Olé olé? Irgendwie nicht so ganz. Denn es gibt so ein paar Dinge, die bei der EM Vergabe an Polen und die Ukraine durch die Uefa wohl außer Acht gelassen wurden…
Es hatten sich ja schon frühzeitig Berichte verbreitet, wonach die Ausrichtung der Uefa Euro 2012 in Polen und der Ukraine auf der Kippe stünden. Schon bald wurden diese Zweifel jedoch beiseite gewischt und man war bemüht, die positive Euphorie der vergangenen Fußballfeste auch nach Osteuropa verfrachten zu können. Trupps von Schlächtern wurden auf Anweisung der Regierungen durch die Straßen geschickt, um die Austragungsorte der EM von den “lästigen” Straßenhunden zu beseitigen – massenhaft, brutal und abartig.
Erst als die Welle der Empörung nach und nach überschwappte, sich auch auf den Facebook-Seiten der Sponsoren in sog. “Shitstorms” entlud und plötzlich ganz öffentlich auch die UEFA als Ausrichter am Pranger stand, gab man sich ahnungslos und zugleich einsichtig. Die ukrainische Regierung versprach die Massentötungen zu unterbinden und schon bald beschränkten sich die internationalen Protestbewegungen wieder auf die traditionellen Tierschutzverbände und einige Individualisten. Fast schon unbemerkt setzte die PETA jedoch erst kürzlich einen Hilferuf an die Öffentlichkeit ab und merkte an, dass die Tötungen (durch Massen-Erschießungen oder Vergiftungen) auch heute noch zum ukrainischen Alltag gehören. Als fußballbegeisterter Tierfreund stehe ich da etwas zwischen den Stühlen, denn trotz des kommerziellen Ausschlachtens waren die vergangenen Europameisterschaften stets wundervolle Fußballfeste. Gleichzeitig kann man bei den Schilderungen nur an den Verstand der Verantwortlichen appelieren, diese grauenvollen Taten umgehend zu unterbinden. Vorschläge für nachhaltige Konzepte gibt es schließlich genug, z.B. ein geregeltes Kastrationsverfahren – das geht allerdings wohl einigen Herren nicht schnell genug.
Wucherei und Abzocke: Infrastruktur der Ukraine
Es sind aber nicht nur die Hunde, die mich so ein bisschen von den Freuden der Euro 2012 fernhalten. Ja, zugegeben: Auch wenn man mich ansonsten mittlerweile recht selten im Trott des Bundesliga-Alltages in einem Stadion antrifft, habe ich mir die letzten großen Turniere selten entgehen lassen. “Schönwetterfan” oder “Eventbummler” sind hier vermutlich noch die liebevollsten Bezeichnungen, die mir von der breiten Masse entgegengebracht werden
Irgendwie habe ich immer einen Weg gefunden, an Tickets für die Wunsch-Spiele zu kommen und tatsächlich werde ich Abende wie das WM Viertelfinale gegen Argentinien 2006 in Berlin wohl nie vergessen.
Auch dieses Jahr war mir das Glück wieder hold – bei einem Video Contest von Euro Sponsor Castrol konnte ich 2 Tickets für ein zunächst unbekanntes Spiel absahnen. Mittlerweile steht fest: Es sind Tickets der gehobenen Kategorie für das Mega-Kracher-Spiel zwischen Deutschland und Holland! Der Austragungsort: Charkiw. Char..was? Ich zitiere mal aus Wikipedia: “Charkiw (ukrainisch Харків; russisch Харькoв/Charkow) ist nach Kiew die zweitgrößte Stadt der Ukraine und mit 42 Universitäten und Hochschulen das bedeutendste Wissenschafts- und Bildungszentrum des Landes.” Na, das ist doch schonmal was
Ich gestehe zwar schonmal vom Fußballclub Metalist Charkiw gehört zu haben – mehr aber auch nicht…
Guter Dinge habe ich (als Reiseblogger) einen schönen Roadtrip im Sinn. Wir waren schon 2008 zum Vorrundenspiel gegen Österreich und dem Finale mit dem PKW in Wien – von da aus kann es ja eigentlich nicht mehr allzuweit sein! Etwas naiv dieser Gedanke
Ein Blick in Google Maps lässt mich das erste Mal stocken: 2.289 km einfache Strecke. Damit ist der Gedanke meinen kleinen Turbo-Leon mit durchschnittlich 9 Litern Verbrauch durch die Pampa zu jagen recht schnell gestorben. Wollen wir mal nach Flügen schauen… Direktflüge ab Deutschland gibt es schonmal nicht. Ich kontaktiere einen Agenten aus einem bekannten Reisebüro und bitte ihn mit Vorschläge für die Anreise zu basteln. Das Ergebnis: Direktflug von Frankfurt nach Kiew-Borispol und Weiterfahrt mit dem Bus nach Charkow. Abends nach dem Spiel müsste ich eine Nacht in Charkow / Charkiw übernachten und anschließend in umgekehrter Reihenfolge zurückreisen. Hotelzimmer seien nicht mehr direkt buchbar, er hat 3 Anfragen gestellt. Kostenpunkt nur für die An- und Abreise (ohne Hotel) 941 Euro. Economy Class. Für 1 Person! Ich frage vorsichtig an, ob er mich verarschen will. Meine Mail bleibt erstmal unbeantwortet.
Am nächsten Morgen dann doch eine Rückmeldung: “Hallo Alex, das war leider mein Ernst. Die Infrastruktur ist ein Witz, die Preise der wenigen Anbieter an Wucherei nicht zu übertreffen. Alternativ kann ich dir einen Aeroflot Flug nach Moskau anbieten und von dort dann weiter nach Charkiw (HRK). Kommt auf aktuell 714 Euro, du brauchst allerdings aufgrund der Flugzeiten mindestens 2 Nächte vor Ort und die Preise dafür nenne ich dir besser erst gar nicht. SORRY”
Na tolle Wurst. Ich schau der Vollständigkeit halber doch nochmal in den großen Portalen nach Hotelkapazitäten und schreibe einige Hoteliers und Pensionen auch direkt an. “Downtown Apartments” bietet mir ein Gruppen-Appartment für schlappe 1797 Euro pro Nacht (sic!), das “Style Hotel” in Charkiw ruft für ein Standard Doppelzimmer 495,59 Euro pro Nacht auf (nur noch 2 Zimmer verfügbar!) und das “Noy Hotel” hat noch eine Junior Suite zum Kurs von 1.1142 Euro pro Nacht im Sortiment. Bis auf das “City house” melden alle Hoteliers auf Nachfrage “sold out”, doch hier im 2 Sterne Tempel sind tatsächlich noch 3 Zimmer zu haben: “Hallo Sir, you can book exclusively standard double room with king size bed for 450 € per person and night. Both nights 2 persons = 1800 € incl. Vat”. Nach 10 Tagen Recherche erwische ich mich dabei, diesen Artikel hier zu schreiben. Ich habe resigniert aufgeben…
Das Fazit: Zwei EM Tickets unbenutzt im Fotorahmen
Alles in allem lande ich ohne Verpflegung bei etwa 4 benötigten Urlaubstagen, vierstelligen Anfahrtskosten pro Person plus mindestens 500 Euro pro Zimmer und Nacht für das Hotel. Natürlich, ich bin spät dran, aber dafür kann ich ja nicht allzuviel. Die UEFA hat bis zuletzt noch Tickets verkauft und die Sponsoren verlosen auch heute noch in Mengen Eintrittskarten ohne jegliche weitere Leistung (Anfahrt, Unterkunft). Sicher – es gibt mit viel Fantasie und noch mehr Abenteuerlust Möglichkeiten das Spiel zu besuchen.
Ein oft gehörter Tipp war der Nachtzug von Moskau aus und nur eine Übernachtung vor Ort. Damit hätte ich die Kosten reduzieren können – im Gegenzug meine Anfahrtszeit noch weiter verlängert und für die Einreise in Moskau erstmal ein kostenpflichtiges Visum benötigt, welches ich vorab beantragen müsste. Hier helfen wohl weder meine Kontakte als Reiseblogger noch irgendwelche Wunder: Alex bleibt bei der EM 2012 zu Hause vorm Fernseher. Macht ja gefühlt jeder. Und meine zwei Tickets werden unbenutzt eingerahmt. Sind ja schließlich streng von der UEFA personalisiert, damit ich nicht noch auf die Idee komme sie einem abenteuerlustigen Fußballverrückten in die Hand zu drücken und ihm eine gute Reise zu wünschen. Oder soll er dann ernsthaft mit Vladyslav und Andriy an der Einlasskontrolle diskutieren, warum der Name von mir und meiner Freundin auf den Tickets steht?
Letztlich ist es also doch eine Art von Boykott – spart mir aber auch eine Menge Geld.












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Sehr schön beschrieben. Ich prangere auch oft auf Seiten an, wie man denn solche MASSENMORDE an Tieren unterstützen kann. Ich werde auch, die EN dieses Jahr meiden. Und es fing mit der Urlaubsplanung an, der passend zum Start der EM anfängt.
Ich bin froh, daß ihr nicht zum Spiel D-NL fahren könnt. Ich habe immer noch die schlimmen Erfahrungen von unserem Herrn Friese im Kopf. Das wird wohl auch bei meinen Spezies nicht anders werden. Die Deutschen wurden durch einen Drahtkäfig durchgeschleust, der von oben mit den niederländischen Fans mit Gegenständen beworfen wurde und auch zu Verletzungen von mehreren Fans – natürlich unter Ausschluß der Medienöffentlichkeit – führte. Auch unser lieber Werner wurde verletzt. Also nicht nur D-NL, sondern die ganze EM boykottieren, damit er im DFB endlich mal wach wird. Schließlich sind ja auch die Spiele in den arabischen Austragungsorten nur Geldmacherei !! Ich bin froh, daß ihr nicht fahrt!!!!!!!!!
also ich hab beruflich oft in Charkiv zu tun und kann Reisetips geben und die Tickets für D-NL hätte ich natürlich gerne
sehr guter artikel! es ist wirklich erschreckend nach welche kriterien uefa und fifa mittlerweile die turniere vergeben. da geht es nicht um tolle fußballspiele oder euphorie im land, sondern einfach nur um “politik”. es ist wie bei uns: die macher (blatter, platini) wollen wiedergewählt werden und “erkaufen” sich die stimmen der kleinen (katar, osteuropa)
Weil Wien ja im tiefsten Ostblock liegt…
Ich hatte schon gehört, dass die wenigen Anbieter das Geschäft ihres Lebens machen, aber dass es so schlimm ist hätte ich nicht gedacht. Jetzt bin ich auch gespannt, wie viele Menschen dann wirklich in den Stadien sitzen werden, und ob es Konsequenzen geben wird. LG, Mary
[...] habe ich vor wenigen Tagen noch geschimpft, da ich trotz Tickets für das Knallerspiel Deutschland gegen Holland letztlich über die [...]