Blogger Relations: Die Rolle von Reiseblogs im Social Web

Reiseblogs sind in der Tourismusbranche angekommen – oder doch nicht? Was Jahre lang mehr oder minder als Hobby einiger Globetrotter, Selbstdarsteller und/oder begabter Schreiberlinge durchging, erlebt nun auch in Deutschland seine Blütezeit. PR- und Marketingagenturen haben längst das enorme Potential erkannt und beide Seiten suchen nach dem richtigen Umgang. Ist die Zeit reif für eine Professionalisierung der deutschen Reiseblogger-Szene? Was sind die Chancen, wo stecken Gefahren? Teil 1 zum Thema Blogger Relations:

Die Rolle von Reiseblogs im modernen Social Web

Die Welt des Bloggens ist eine offene Familie – jeder darf mitmachen, jeder kann mitmachen. Und so unterschiedlich die einzelnen Beweggründe der Reiseblogger sind, so verschieden sind auch die Blogs – und das ist gut so! Aus Marketingsicht sind Blogs ein buntes Schlaraffenland, denn ein gut geführter Reiseblog birgt in vielerlei Hinsicht großes Potential. Die Schlüsselaspekte sind:

– Reiseblogs sind Influencer und Multiplikatoren im gesamten Social Media Bereich
– Reiseblogs verfügen über große branchenrelevante Netzwerke und persönliche Kontakte
– Reiseblogs ranken unter wichtigen Keywords mit wertvollem Content und haben eine gute Sichtbarkeit
– Reiseblogs versammeln interessante Zielgruppen und binden diese oft langfristig
– Reiseblogs agieren meist schnell, dynamisch und multimedial

Reiseblogs als Influencer und Multiplikatoren im Social Web

Es ist kein Geheimnis, dass Suchmaschinen wie Google in ihren Ranking-Algorithmen vor allem Blogs eine große Akzeptanz und Bedeutung zusprechen. Das ist einer der Gründe (neben der großen sozialen Vernetzung) für die gute Sichtbarkeit von Reiseblogs im Web – waren es früher vor allem geschlossene Kreisläufe der Blogosphäre untereinander, so bündeln die Blogs heute zunehmend relevante Zielgruppen als „Laufkundschaft“ durch gute Suchmaschinen-Platzierungen und gewinnen einen nicht unerheblichen Anteil als Stammleserschaft.

Der Reiseblog beeinflusst damit auch den Entscheidungsprozess noch in der Planungsphase einer Reise nachhaltig, wie auch neueste Studien deutlich zeigen. Vor allem der Einsatz multimedialer Mittel (Text, Ton, Foto, Video) schafft für den Leser einen hohen Unterhaltungswert und deutliche Vorteile gegenüber den klassischen Medien, die in ihren Möglichkeiten nicht zuletzt auch durch redaktionelle Zwänge (Zeichenzahl, Anzahl der Fotos) beschnitten werden.

Blogger-Relations als Stufenmodell – Kontakt mit einer neuen Zielgruppe

Bei derart wachsender Bedeutung von Blogs ist es nicht verwunderlich, dass längst auch Konzerne und Agenturen aus dem Tourismusumfeld im neuen Fahrwasser schippern: Blogger Relations. Aus mikrosozialer Sicht handelt es sich dabei um nichts anderes als das Beziehungsmanagement zwischen einem Unternehmen (ggf. vertreten durch eine mittelnde Agentur) und Blogs. Klingt erstmal nach keiner großen Herausforderung – und doch gibt es zahlreiche Dinge zu beachten.

Zunächst einmal ist die Blogosphäre in Deutschland zumindest im Tourismus-Bereich (noch?) nicht zentral organisiert. Es gibt weder repräsentative Vereinigungen noch nationale Verbände, auch wenn man international bereits ein paar Schritte weiter ist. Ein Großteil ist zwar untereinander vernetzt, aber es bedarf schon etwas Mühe und Geduld, die relevanten Blogs zusammen zu suchen.

Zudem ist mir kein deutscher Reiseblogger bekannt, der bisher seinen Lebensunterhalt allein durch das Bloggen bestreiten kann. Sicher, auch hier gibt es Beispiele aus anderen Bereichen (z.B. Mathias mit seinem Lifestyle-Blog Whudat) und erste Schritte (z.B. Christoph, der sich als Blogger und Reisejournalist selbstständig gemacht hat) in die richtige Richtung. Dennoch sind Stand heute nahezu alle Reiseblogger in festen Arbeitsverhältnissen, freiberuflich tätig oder Studenten – mit mehr oder weniger persönlichen Terminen und Verpflichtungen. Dies gilt es vor allem bei der Planung von Blogger-Reisen zu beachten, denn mal eben von Montag bis Mittwoch unterwegs sein, ist auch trotz Einladung nicht immer möglich. Letztlich gilt es vor allem einen Faktor zu bedenken, den ich schon eingangs kurz angeschnitten habe: die Individualität der einzelnen Blogs und der Persönlichkeiten dahinter.

Aus Unternehmenssicht ergeben sich damit 5 Säulen für den effektiven Aufbau von „Blogger Relations“:

5 Stufen-Modell Blogger Relations im Tourismus aus Agentursicht

1) KONZEPTION:
Stellen Sie sich zunächst die Frage, was Sie sich eigentlich von einer Zusammenarbeit mit Reiseblogs erhoffen und welche Ziele Sie verfolgen möchten. Lösen Sie sich dabei gleich von dem Gedanken, Blogger nur einseitig als Werbelautsprecher zu instrumentalisieren. Nicht nur Sie, vor allem der Blogger selbst ist sich seiner Rolle und Bedeutung (s.o.) durchaus bewusst. Nur bei einer vertrauensvollen, fairen Zusammenarbeit können Sie von den Vorteilen einer Kooperation profitieren! Überlegen Sie sich ein Konzept und loten den budgetären Spielraum aus: Wie weit soll der Kontakt gehen? Wollen Sie nachhaltig Ihr Image steigern oder vor allem kurzfristig über Neuheiten informieren? Sind spezielle Bloggerevents und Reisen denkbar und sinnvoll? Möchten Sie auf ausgewählte Markenbotschafter oder eher eine breite Vernetzung setzen? Welche Mehrwerte können Sie den Bloggern bieten und umgekehrt?

2) IDENTIFIKATION:
Je nach Konzept und Ausrichtung suchen Sie spezielle Nischen-Blogger oder eher allgemeine Tourismus-Blogs. Sinnvollerweise legen Sie sich gleich zu Beginn eine Datenbank an und sammeln weitgehend ungefiltert Blogs aus dem touristischen Umfeld – nehmen Sie sich für jeden Blog von vornherein Zeit, um sich zumindest einen groben Überblick zu verschaffen und vermerken Domain, Ansprechpartner und Besonderheiten in Ihrer Datenbank. Für einen ersten Ansatz helfen Ihnen die Suchmaschinen weiter – werfen Sie jedoch unbedingt einen Blick in ggf. vorhandene Blogrolls und die verwiesenen Social Media Kanäle. Insbesondere Twitter ist ein gutes Sammelbecken für Blogger und offenbart rasch Verbindungen und Verweise auf deren Kollegen. Legen Sie sich selbst unbedingt Accounts an und folgen Ihren neuen „Fundstücken“ (vor allem auf Twitter und Facebook), um Stufe 3 voranzubringen.

3) MONITORING:
Es macht wenig Sinn nun einfach Ihre gesammelte Datenbank in einen Verteiler zu stecken und mit der nächsten Pressemitteilung zu bombardieren – ein solches Vorgehen würde Ihre Blogger Relations schon in einem frühen Stadium auf die falsche Bahn lenken. Stufe 3 erfordert Geduld und Interesse: Behalten Sie die entdeckten Blogs im Auge, verfolgen Sie Statusmeldungen und Tweets, lesen Sie möglichst viele Artikel und Verlinkungen. Welche Themen werden bearbeitet und auf welche Weise werden sie den Lesern präsentiert? Wer reagiert darauf und wie geschieht dies? Kristallisiert sich bei einzelnen Blogs eine gerade Linie (vielleicht sogar ein Leitmotiv heraus)? Bemerken Sie eine besondere Leidenschaft für ein touristisches Produkt oder ein spezielles Land? Sammeln Sie Ihre Eindrücke stichpunktartig in der Datenbank.

4) PARTIZIPATION:
An diesem Punkt steigen Sie ins Geschehen ein! Neben den Tourismusunternehmen selbst sollten auch Agenturen sich modern aufstellen und einen eigenen Blog installieren. Auf diese Weise können Sie selbst Artikel anderer Blogger aufgreifen oder haben ein geeignetes Instrument zum Networking an der Hand. Seien Sie kreativ – und aktiv! Ich kenne keinen Blogger, der sich nicht über einen konstruktiven Kommentar freut oder Aktivitäten (Retweets, Likes, Erwähnungen) auf den Social Media Kanälen. Sie werden ganz nebenbei schon an dieser Stelle merken, wie zeitnah die Aktivität auf Ihren eigenen Kanälen (und somit Ihre Bekanntheit) anwachsen wird. Greift ein Blogger ein für Sie interessantes Thema auf, fragt nach einer Empfehlung oder einem Rat? Nehmen Sie am Social Life teil und gehen im weiteren Verlauf auf die Blogger zu. Bieten sie z.B. an, gerne weitere Informationen bereitzustellen oder fragen Sie ganz konkret, ob Sie behilflich sein können.

5) GEZIELTE AKTION:
Sie sollten nun ein wachsendes Netzwerk um sich herum gesammelt haben und sind mit dem Ausbau und der Pflege beschäftigt. Gleichzeitig haben Sie aber einen sehr guten Überblick erlangt (und selbst erlebt), welche Blogger für Ihre Marke (oder Ihren Kunden) interessant sein könnten. Warten Sie nicht auf Zufallstreffer, sondern gehen Sie aktiv auf die Blogger zu. Laden Sie den Blogger zu einem persönlichen Kennenlernen ein, organisieren Sie vielleicht sogar selbst ein Event oder eine Tour für ausgewählte Blogger und stehen Sie mit Rat und Tat zur Seite. Sie werden überrascht sein, welch kreative Köpfe hinter den Reiseblogs stecken – trauen Sie sich daher ruhig auch mal, ganz offen nach Wünschen und Ideen der Blogger zu fragen! Kann er sich eine Kooperation vorstellen? Mag er spezielle Informationen zu einem Thema oder will er allgemein in den Verteiler aufgenommen werden, um up-to-date bleiben zu können?

Im Gegensatz zu Print-Journalisten sind Blogger übrigens häufig Telefonmuffel 🙂 Das gilt sicher nicht für alle, aber es ist keinesfalls verpöhnt, die erste Kommunikation auch in der Welt zu starten, in der sich die Blogger zu Hause fühlen 😉 Was sicher auch daran liegt, dass viele (wie oben erwähnt) tagsüber anderweitig berufstätig sind…

Passend dazu ist mittlerweile ein zweiter Teil erschienen, der die Themen Blogger-Reisen, Hürden bei der Professionalisierung von Reiseblogs sowie deren Monetarisierung behandelt. Stay tuned!

Alex
Alex

Alex Mirschel hat NIEDBLOG bereits 2010 gegründet und zu einem der einflussreichsten Luxus-Reiseblogs in Europa entwickelt. Der Frankfurter Diplom-Verwaltungswirt war ursprünglich im öffentlichen Recht tätig und hielt einen Lehrauftrag als Dozent für Soziologie. Heute ist er selbstständiger Berater und Netzwerkpartner von Tourismuszukunft. Der Digital-Experte entwickelt Strategien, Kommunikationskonzepte und begleitet Veränderungsprozesse von Unternehmen und Destinationen. Neben NIEDBLOG gründete er weitere eigene Projekte wie das erfolgreiche Portal TravelKlima.de.

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5 Kommentare

  1. blauereiseurlaub
    2. März 2013 / 21:24

    Danke für den informativen Text.

  2. 1. August 2012 / 15:35

    Toller Beitrag für die touristischen Unternehmen! Hoffen mir mal, dass diese ihn auch lesen. Ich verteile den Link auf jeden Fall schon mal!

  3. 31. Juli 2012 / 18:43

    Mensch Alex 🙂
    Bin gespannnt auf Deine nächsten Texte.
    VG,
    Jörg

  4. 31. Juli 2012 / 13:14

    *thumps up*
    Wieder ein toller Artikel Alex!

    LG
    Manuela

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